Eine ganz alltägliche Situation
Eine Gruppe von fünf Kindern zwischen drei und sechs Jahren lässt einen Drachen steigen. Der Kleinste hält einen der Schweife fest, die anderen Kinder sagen ihm er solle loslassen. Die Mutter kommt, und ruft: „ Lass los, das ist nicht dein Drache, der gehört den anderen Kindern.“ Der Bub hält den Schweif weiter fest und weint. Die Mutter kommt zu ihm und nimmt ihm den Schweif aus der Hand und nimmt ihn hoch. Sie sagt zu ihm:“ Das kannst du nicht machen, der Drache gehört nicht dir, und du bist der Kleinste und frech. Sag Entschuldigung. Das tut man nicht.“ Der Bub dreht sein Gesicht weg, hebt eine Hand vor das Gesicht und weint weiter.
Was ist daran so schlimm? oder: “Die Mutter hat vollkommen Recht!” werden Sie vielleicht denken. Nun, zu Beginn hat die Mutter durch ihre Intervention versucht zu verhindern, dass entweder der Drache kaputt geht, oder die Kinder weiter streiten, und es möglicherweise eskaliert. Sie hat somit das was in der Gewaltfreien Kommunikation „beschützende Anwendung von Macht“ heißt, demonstriert. Sie hat dem Kind gesagt was es tun soll (loslassen), anstelle von dem was es nicht tun soll (z.B. lass das! – womit Kinder und auch in der Regel Erwachsene meist überfordert sind, denn was sollen sie stattdessen tun?).
Etwas “falsch machen”
Was mich allerdings betroffen macht ist das was danach passiert ist. Das Kind soll sich entschuldigen. Warum mich das betroffen macht? Weil ich nicht glaube, dass eine „Entschuldigung“ irgendjemandem etwas bringt, außer einer momentanen – oberflächlichen Befriedigung, in diesem Fall wohl am ehesten der Mutter. Was haben die Kinder davon? Versteht der kleine Bub warum er sich entschuldigen soll? Hat er etwas „falsch“ gemacht?
Das ist die erste Prämisse für das Konzept von Schuld: es gibt falsches und richtiges Handeln. Was „falsch“ ist bestimmen moralische Werte, Normen, die je nach Gesellschaft und Kultur sehr unterschiedlich sein können. Selbst in dieser Situation hätte eine andere Mutter anstatt das Kind „frech“ zu nennen z.B. auch sagen können: „ du bist ja ganz ein mutiges Kerlchen, nimmst es mit den Großen auf…“
Sind Strafen notwendig?
Worauf ich hinaus will? Kulturelle oder moralistische Normen und Werte sind zum einen eine nach außen gerichtete Grundhaltung, die dadurch „reguliert“ wird, dass es Strafen und Belohnungen gibt. In diesem Fall bestraft die Mutter das Kind nicht, aber so lernt es bestenfalls, dass es besser das tut was die Mutter will, weil sie sonst böse ist. Und welches Kind will nicht fast ALLES tun, um seine Eltern glücklich zu sehen?
Aber wie kann das Kind aus dieser Situation etwas lernen, was in der eigenen Erfahrungswelt stattfindet?
Zurück zum Anfang: es hält den Schweif des Drachens fest. Dieser ist rot, gelb und blau und flattert im Wind. Vermutlich möchte das Kind einfach mitspielen, weiß allerdings nicht wie, und es ist das Beste was ihm dazu einfällt. Oder es ist einfach fasziniert von dem flatternden Ding, und möchte es angreifen um es zu be-greifen…Es ist ganz auf sich konzentriert, und kann nicht verstehen, warum die anderen Kinder davon gestört sind. Denn vermutlich wollen auch diese weiterspielen, und ihre Vorstellungen vom Spiel verwirklichen. Und die Mutter? Wahrscheinlich ist sie gestresst, weil sie sich zum einen Sorgen um das Wohl ihres Kindes (und das der anderen) macht, und gleichzeitig auch ihren Job als Mutter gut machen will.
Die gewaltfreie Alternative:
Anstatt nach der Intervention das Kind zu schelten, hätte sie folgendes sagen können: ” Hm, dieser Drache ist ganz schön toll, gelt? Möchtest du gerne mitspielen.“ Die Reaktion des Kindes wird zeigen, ob sie damit etwas von dem erspürt hat, was in dem Kind vorgeht: Kind (noch immer weinend) „Ja, will auch spielen.“ Mutter: „ und der flattert auch so schön im Wind, das willst du auch gerne ausprobieren?“ Kind (langsam sich beruhigend) „Ja, will auch.“ Mit etwas Hinwendung und Aufmerksamkeit kann sich das Kind wieder beruhigen, und die Mutter hat dann die Gelegenheit dann auch das was die anderen Kinder brauchen anzusprechen: „Die anderen wollen auch gerne spielen, und vielleicht wollen sie gefragt werden, ob es ok ist, den Drachen mal anzugreifen.“
Wie sieht das Lernen auch für die anderen Kinder aus? Einerseits haben sie bereits mitgehört, was die Mutter zu ihrem Sohn gesagt hat (also das Bedürfnis des Buben und das ihrige gespiegelt bekommen), und wenn sich jetzt die Mutter noch zu ihnen wendet und etwas sagt wie: „ Ihr wart bestimmt auch besorgt, weil ihr wolltet, dass der Drache heil bleibt?“ – „Und wolltet bestimmt auch gerne so spielen, wie ihr es euch vorgestellt habt?“ So hat sie auch diese Bedürfnisse gehört, laut ausgesprochen, und damit den Kindern die Möglichkeit gegeben, etwas anderes zu erfahren, als „Schuld“ und „falsch machen“.
Sie können selbst spüren worum es geht. Anstatt also eine Floskel zu lernen (Entschuldigung) lernen in diesem Fall die Kinder zu verstehen, was in der anderen Person vor sich geht, was diese fühlt und braucht. Hier kann dann echtes Bedauern stattfinden. Und aus diesem Bedauern heraus findet Verbindung statt zwischen den Betroffenen, die weit tiefer reicht als ein „höfliches“ Entschuldigung. Ein Gesehen werden im Schmerz, den mein Verhalten ausgelöst hat.
Dieses zu erlernen erscheint mir wertvoller und gilt im Übrigen genauso für uns „Große“.
