Geld oder Leben war ein Spruch aus meiner Kindheit, wenn wir Räuber gespielt haben.
Heute kommt mir der Spruch fast weise vor. Fast weil er für viele Menschen unserer westlichen Welt Realität zu sein scheint, und fast, weil ich nicht wählen will zwischen den beiden. Zum Glück habe ich einen Weg gefunden, der mir dabei hilft das Entweder-Oder Denken zu verwandeln in ein sowohl-als-auch: Die Gewaltfreie Kommunikation.
Zuerst war da die Offenbarung: „Tue nichts was du nicht mit der Freude eines Enten fütternden Kindes machen kannst“, ein Zitat von Marshall Rosenberg, dem Begründer der Gewaltfreien Kommunikation. Als ich ihn zum ersten Mal hörte, war ich überwältigt; ja das ist es was ich will, dachte ich, ohne genau zu wissen wie das ausschauen könnte. Es ist wohl die Sehnsucht meines Herzens gewesen die „Ja“ gesagt hat. Etwas in mir ist angeklungen, etwas so Starkes, dass ich alle Warnungen in den Wind schlug. Ich kündigte meinen „sicheren“ Job und machte mich als Alleinerzieherin mit zwei Töchtern, von damals 8 und 10 Jahren, selbstständig, um die Gewaltfreie Kommunikation in die Welt zu tragen. Ich dachte nicht einen Augenblick daran, wie schwierig es sein könnte.
Und es war und ist schwierig. Mein Leben ist ein ständiger Balanceakt. Meine Entscheidung ist klar: ich möchte das tun, was mir meine innere Stimme sagt. Dabei will ich es aus meiner inneren Haltung heraus tun, das bedeutet unabhängig davon ob ich Geld dafür bekomme oder nicht. Denn ich tue es nicht um Geld zu „verdienen“ Geld ist eine Strategie. Es dient dazu Bedürfnisse zu erfüllen. Viele Bedürfnisse werden durch Arbeit erfüllt, für die ich kein Geld brauche: Sinnhaftigkeit, Wirksamkeit, Freude. Gleichzeitig möchte ich für mich und meine Familie sorgen können. Deshalb bitte ich Menschen, die meine Angebote in Anspruch nehmen dazu mit Geld beizutragen. Und deshalb habe ich seit ein paar Monaten einen 10 Stunden Job, den ich nebenher machen kann, und der mir eine gewisse Stabilität bringt.
Neben meiner selbstständigen Arbeit als Trainerin bin ich im Vorstand des Netzwerks für Gewaltfreie Kommunikation, und das schon seit acht Jahren. Auch das ist ein Herzensanliegen: Menschen in Österreich vernetzen, die Gewaltfreie Kommunikation sichtbar zu machen, etwas gemeinsam zu bewirken. Eine unglaublich bereichernde Möglichkeit auf struktureller Ebene partnerschaftliches Miteinander und effektive Entscheidungsfindungsformen, die auf Gleichwertigkeit beruhen auszuprobieren.
Natürlich ehrenamtlich. Warum eigentlich natürlich, fragte ich mich zunehmend. Wieso sind so viele Arbeiten, die uns als Gesellschaft dienen unbezahlte Jobs? Zunehmend frage ich mich: „Wieso mache ich da mit? Stimmt die Balance zwischen dem was ich mir dadurch erfüllen kann, und dem was ich brauche um mein Leben gut leben zu können?“
Es gibt Momente, an denen ich pure Verzweiflung spüre. Wie ist es möglich, dass vor allem Frauen, so viel beitragen ohne dafür Geld zu bekommen: sei es die Kinder zu versorgen oder Angehörige zu pflegen? Wie kann es sein, dass die Arbeit von LehrerInnen, Krankenschwestern, … uns soviel weniger wert ist als die Arbeit von anderen, gesellschaftlich hoch angesehenen Jobs? Ich bin zutiefst überzeugt, dass genug für alle Menschen auf dieser Welt da ist. Genug Nahrung, genug Wasser, genug Geld, genug von allem. Was wir nicht haben ist der gleiche Zugang zu Ressourcen.
Der Balanceakt heißt für mich also: gut für mich zu sorgen: meine Verzweiflungsarbeit zu tun, mich mit genügen Unterstützung, Inspiration, Empathie und Nahrung für meine Seele und meinen Körper und Geist zu versorgen, damit ich in meiner Kraft und in meiner Freude weiterhin das tun kann was ich am meisten liebe. Dafür zu sorgen, dass ich genug Geld bekomme, um mir und meinen Kindern den Teil des Lebens, für den Geld gebraucht wird, ermöglichen zu können.
Denn ich will Geld – solange wir es brauchen, und Leben für uns alle.
Nachzulesen, mit vielen anderen Artikeln zum Thema “Wirtschaften in der Zwischenzeit” im neuen TAU Magazin.
